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Die Fußball - WM & Biodiversität am Sportplatz?

Kontaktperson Martin Scheuch: martin.scheuch[at]univie.ac.at
Geeignet für 5.-12. Schulstufe


Sportplätze sind auf den ersten Blick artenarme grüne Wüsten. Sie sind Alltagslebensräume von FußballerInnen, SchülerInnen und vielen Bewegungsfreudigen – eine vom „Großsäuger Mensch“ genutzte Nische im Ökosystem der Stadt. Sportplätze werden zumeist nicht mit Biodiversität in Verbindung gebracht. Vielleicht lohnt deshalb ein zweiter und dritter Blick aus Sicht der Biologie?
Der folgende Beitrag soll die naturwissenschaftliche Konzeption der Biodiversität mit ihren drei Ebenen anhand des Themas „Sportplatz“ demonstrieren, handelt es sich dabei doch um einen sehr klar strukturierten Lebensraum mit streng kontrollierten Variablen (Wasser, Nährstoffe, Störungen).


 

Fachinfo

Genetische Vielfalt

… bezeichnet die Vielfalt aller Gene innerhalb einer Art. Diese Vielfalt ist schwer zu erkennen, und selbst Darwin hat seine anschaulichsten Beispiele für die Veränderlichkeit der Arten an gezüchteten Tieren demonstriert. Diese Züchtbarkeit liegt in der vorhandenen genetischen Vielfalt begründet: Der Mensch fördert gewünschte Eigenschaften. Ein gutes Beispiel aus der Pflanzenwelt ist der Kohl: Aus einer unscheinbaren Küstenpflanze wurden Karfiol, Grünkohl, Kohlrabi, Broccoli, Rotkohl uvm. gezüchtet. Die genetische Vielfalt, die in der Ursprungspflanze steckt, wird so im Erscheinungsbild der verschiedensten Gemüsesorten sichtbar!

… auf dem Sportplatz
Die Züchtungsgeschichte von Rasengräsern ist sehr kurz und über Züchtungsziele, Sortenkataloge und Saatgutmischungen auch gut nachvollziehbar.

Was muss ein Sportplatzrasen können? Er sollte schnell keimen, eine dichte, kräftige, kurztriebige Narbe ausbilden, hohe Strapazierfähigkeit zeigen, regenerationskräftig sein, wenig Schnittgut produzieren, eine hohe Krankheitsresistenz zeigen und gute Winterhärte besitzen. In jüngster Zeit wird sogar auf „staygreen“ gezüchtet. Das bedeutet, dass die Grassorten unter Stress und im Winter nicht verbleichen, sondern kräftig grün bleiben und so einen stärkeren Kontrast für Ball und Spieler bei Sportübertragungen bieten. Die drei Hauptgräser sind Ausdauernder Lolch (Lolium perenne), Wiesenrispe (Poa pratensis) und Rotschwingel (Festuca rubra). Alleine von diesen drei Arten exisitieren 350 in der EU zugelassene Sorten. Sorten müssen vor ihrer Zulassung gut von einander unterscheidbar sein und sich durch spezielle Eigenschaften auszeichnen. Nimmt man noch weitere vier Grasarten dazu, die ebenfalls in Rasenmischungen verwendet werden, erhöht sich die Anzahl der Sorten auf 410. Das ist eine ganz erstaunliche Anzahl, die für die Verwendung von verschiedensten Rasenmischungen geeignet ist. Für eine Sportplatzrasenansaat  werden nun meist ein bis drei Arten mit jeweils mehreren Sorten gemischt. Die Eigenschaften der Sorten sollten sich ergänzen: Die eine Sorte keimt rasch, andere sind gute Lückenschließer; eine Sorte kann mit Bodenverdichtung besser umgehen, eine andere unter Trockenstress noch gut wachsen.

Artenvielfalt

… bezeichnet die Vielzahl an Arten in einem Ökosystem, also in einem bestimmten Raum. Was ist eine Art? Hier gibt es verschiedene Konzeptionen in der Biologie: Eine alte und griffige Definition ist „Was sich schart und paar, gehört zu  einer Art“. Das heißt, alle „Individuen“, die sich miteinander fortpflanzen können und fruchtbare Nachkommen zeugen, werden zu einer Art gezählt.

… auf dem Sportplatz

Die Artenvielfalt eines Sportrasens ist enden wollend und übersichtlich. Wie oben erwähnt sind es nur wenige Grasarten, die aber mit einfachen Bestimmungsschlüsseln auch vegetativ bestimmbar sind. Darüber hinaus finden wir eine Menge an – für SportplatzbetreiberInnen – Unkräutern, – für BiologInnen – „Beikräutern“, die durchaus bekannte Allerweltsarten sind. Dazu zählen Breitwegerich, Kriechklee, Löwenzahn und Gänseblümchen. Vereinzelt kann man auch Unerwartetes finden wie verschiedene Moosarten. Pilze und Bakterien sind ebenfalls vorhanden, sie übernehmen die Funktion von abbauenden Organismen. Auch eine Reihe von Insekten und Gliedertieren sind zu finden: Im Frühjahr sind Schnaken und Märzhaarmücken bei der Eiablage zu beobachten. Deren Larven – und auch die von Junikäfern – sind im Boden neben den Regenwürmern zu finden. Letztere stellen wegen ihrer rutschigen Kothäufchen ein Verletzungsrisiko dar und sind bei SportlerInnen deshalb unerwünscht. Ganz nah der Bodenoberfläche zu finden sind Kugelspringer aus der Gruppe der Ur-Insekten. Sie waren die einzigen Tiere, die im deutschen „WM-Rasen 2006“ nachgewiesen werden konnten! Aber auch Beutegreifer sind zu beobachten: Wenn viele Insektenlarven und Regenwürmer im Boden wohnen, dann kommen Amseln und Krähen angeflogen und picken sie heraus.

Ökologische Vielfalt

… bedeutet die Vielfalt an Lebensräumen und Ökosystemen. Unterschiedliche abiotische Bedingungen wie Seehöhe, Wasserverfügbarkeit, Temperaturverlauf, Nährstoffverfügbarkeit und deren Zusammenspiel schaffen räumliche Muster, die unterschiedliche Ökosysteme ergeben. Je komplexer die Bedingungen, desto reicher die ökologische Vielfalt.

… auf dem Sportplatz

Die ökologisch wirksamen Faktoren am Sportplatz sind gut bekannt und leicht nachvollziehbar. Es wird gemäht, gedüngt, gewässert, getrampelt. In engen Stadien herrscht wegen der Tribünendächer Lichtmangel, auf durchschnittlichen Sportplätzen brennt die Sonne erbarmungslos auf den Rasen. Obwohl auf den ersten Blick einheitlich grün, zeigen sich auf den meisten Sportplätzen Unterschiede im Bewuchs, denn am Rande des Spielfelds, im Strafraum und neben den Toren herrschen zumeist unterschiedliche Lebensbedingungen. Und dort, wo der Sportplatzwart nicht zu ehrgeizig ist, wachsen neben Grasblüten auch andere Blüten, die von Insekten besucht werden. (Siehe Abb. Nahrungsnetz)

 

 

 

 

 

 


Unterrichtsidee

Fachdidaktische Überlegungen

Unter Biodiversität versteht die Biologie das zentrale und strukturierende Konzept der Lebenswelt. Zentral ist dabei der biologische Artbegriff: Der kann auf dem Sportplatz mit seinen wenigen Allerweltsarten gut thematisiert werden. Vielleicht führt die Erkenntnis, dass „Gras“ aus verschiedenen Arten besteht, zu einem Aha-Erlebnis? Oder ermutigen Erfolge mit einfachen Bestimmungsschlüsseln dazu, sich beim nächsten Ausflug an komplexere Ökosysteme heranzuwagen?

Der vom Menschen extrem beeinflusste Lebensraum Sportrasen ist zwar ein sehr reduziertes (und deshalb übersichtliches) Ökosystem, trotzdem sind dort alle grundlegenden ökologischen Prozesse zu beobachten. Die ökologischen Faktoren sind gut bekannt bzw. einfach zu erarbeiten.Das Konzept des Ökosystems, eine Lebensgemeinschaft mit abiotischen und biotischen Beziehungen, ist gut darstellbar – besser als in einem Wald, wo die meisten Pflanzen unbekannt und der Großteil der wesentlichen Tiere nicht leicht aufzufinden sind. Gerade die Beziehungen zwischen den Lebewesen sind im Wald auf einer Kurzexkursione schwer beobachtbar und nachweisbar, am Sportplatz können Blütenbesucher, Erdbewohner einfacher aufeinander und auf die Ökosystembedingungen bezogen werden.
Schließlich kann über die Saatgutzüchtung die genetische Vielfalt zum Thema gemacht werden. Das ist zwar am Sportplatz selbst nicht zu bearbeiten, im Internet (siehe Quellenangaben) finden sich dagegen ausreichend Unterlagen dazu. Auch die Distanz zum nächstgelegenen Sportplatz ist leichter und schneller zu überwinden, als zum nächsten Nationalpark. Insofern muss man nicht in Schutzgebiete fahren, um Basiskonzepte der Biologie zu vermitteln.

Brückenschlag zur gesellschaftlichen Konzeption von Biodiversität
Die Konvention zur Biologischen Vielfalt, verabschiedet in Rio de Janeiro, knüpft eine enge Verbindung zur nachhaltigen Entwicklung. Dabei geht es um natürliche Ressourcen aus Genen, Arten und Ökosystemen für den Menschen. Das biologische Fachwissen über die Vielfalt wird gesellschaftlich bewertet und der Nutzen verhandelt und beurteilt. Dies kann zum Beispiel in pharmazeutischer Hinsicht geschehen aber auch in Blickrichtung auf Ökosystemfunktionen. Das alles kann zu gesellschaftlicher Wertschätzung von Biodiversität und zu Schutzmaßnahmen derselben führen – oder aber auch nicht. Eine Bewertung der Sportplätze in diesem Sinne sei aber jetzt Ihnen und Ihren SchülerInnen überlassen …

Struktur des Unterrichtsvorschlages

Die Anleitung des Arbeitsblattes aus den Materialien ist geeignet um es in einer Unterrichtsstunde als Auftrag umzusetzen. In einer Folgestunde kann dann in der Klasse noch vergleichend zwischen den Gruppen ausgewertet werden. Ein umgesetztes Unterrichtsbeispiel dazu finden Sie ebenfalls im Downloadbereich. Für die Oberstufen kann noch eine Stunde mit Internetrecherchen ergänzend die genetischen Aspekte und die Züchtungsgeschichte behandeln. Die Quellen hierzu sind sehr reich, eine gute Einführung bietet die Rasenfibel einer Schweizer Firma.


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