Logo der Universität Wien

Sprachsensibler Biologieunterricht

Sprachbarrieren sind ein zentrales Lernhindernis im naturwissenschaftlichen Unterricht. Dies gilt sowohl für Schülerinnen und Schüler, die unterschiedliche Alltagssprachsysteme verwenden, weil sie etwa andere Erstsprachen als Deutsch haben oder sich in der sozialen Herkunft signifikant unterscheiden, als auch für SchülerInnen, die in ihrer Erstsprache unterrichtet werden. Das geht unter anderem aus der PISA-Studie 2006 sowie aus der naturwissenschafts- und sprachdidaktischen Literatur hervor (s. Wellington et al. 2001; Gogolin et al. 2011). Der Grund für sprachliche Herausforderungen im Fachunterricht sind auf struktureller und funktionaler Ebene der Sprache zu finden (vgl. Nitz et al. 2012): Die Sprache der Wissenschaft – oder wie sie Gogolin et al. (2011) bezeichnen: Bildungssprache – unterscheidet sich in ihren lexikalisch-semantischen, syntaktischen und diskursiven Merkmalen von der Alltagssprache (vgl. Gogolin et al. 2011). Da die Bildungssprache allerdings für „das Verstehen und Kommunizieren im Fach“ (Leisen 2011, S.3) und für die Kritik- und Handlungsfähigkeit gegenüber naturwissenschaftlich generierter Expertise unerlässlich ist, ist im Fachunterricht eine Unterstützung auf sprachlicher Ebene unabdingbar (vgl. Wellington et al. 2001; Vollmer et al. 2009; Kniffka 2010).



Forschungsarbeit am AECC-Biologie


Die Wichtigkeit von Sprache und Fach ist Ausgangspunkt von diversen Forschungsarbeiten, die am AECC-Biologie durchgeführt werden. Ihre Schwerpunkte liegen auf Sprachbewusstsein und Mehrsprachigkeit im Biologieunterricht.

 

Diplomarbeit (laufend):

Gottlieb, Claudia: Begriffsassoziationen im Biologieunterricht

In dieser Arbeit geht es um Assoziationen, die Schüler_innen zum Thema Wald haben. Im Zuge dessen werden Lernenden der zweiten Klassen einer Neuen Mittelschule bei einem Interview ausgewählte Begriffe zum Thema Wald vorgelegt, woraufhin sie alles aussprechen sollen, was ihnen, im Bezug auf das Wort, in den Sinn kommt. Dies geschieht bevor das Thema Wald im Unterricht behandelt wird und danach. Anschließend wird verglichen, welche Änderungen es durch den Unterricht gibt. Sind nun neue Assoziationen dazugekommen oder blieben sie gleich? Gibt es vor dem Unterricht schon viele fachbezogene Assoziationen oder erst danach, womöglich auch gar keine? Neben diesen Vergleichen wird es auch eine Auseinandersetzung mit den Assoziationen der Lehrkraft geben: Wie sehr unterscheiden sich diese von jenen der Schüler und Schülerinnen?


Diplomarbeiten (abgeschlossen)

Müllner, Bernhard (2014): Sprachsensibler Biologieunterricht. Eine Untersuchung in einer Klasse mit hohem Anteil an SchülerInnen mit Deutsch als Zweitsprache.

Ziel dieser Arbeit ist es, anhand eines Fallbeispiels, mithilfe qualitativer Erhebungsmethoden, im Biologieunterricht (bildungs-)sprachliche Herausforderungen ausfindig zu machen und den Umgang mit eben jenen aufseiten der Lehrkraft/der SchülerInnen zu verstehen. Vor dem Hintergrund sprachdidaktischer und biologiedidaktischer Theorie, unter Einbezug des Referenzrahmens zur altersspezifischen Sprachaneignung (2008) werden Konsequenzen als Transformationsmöglichkeit für einen sprachsensiblen Biologieunterricht generiert und in Wechselbeziehung zu den klassischen soziologischen Ungleichheitsdimensionen Klasse (class), Ethnizität (race) und Geschlecht (gender) gestellt.


Frey, Caroline (2015): Mehrsprachigkeit im Biologieunterricht. Eine Beschreibung von Verständnisschwierigkeiten von Schülern und Schülerinnen mit nichtdeutscher Erstsprache.

Die Arbeit legt den Fokus auf die sprachliche Verwendung bei zwei- bzw. mehrsprachigen SchülerInnen während des Biologieunterrichts und geht der Frage nach, ob Verständnisschwierigkeiten auf sprachliche Defizite zurückzuführen sind. Im Zuge einer qualitativen Untersuchung in einer Schule wurde ein Experten-Interview mit der Biologielehrerin sowie eine Unterrichtsbeobachtung mit Audioaufnahmen von Kindern nichtdeutscher Erstsprache durchgeführt und SchülerInnen in Leitfaden-Interviews befragt. Dadurch können die sprachliche Verwendung und der Gebrauch der Fachsprache der Kinder sowie das Vorhandensein von Nicht-, Unverständnis oder Verständnis in der beobachteten Unterrichtseinheit beschrieben werden. Die Forschungsarbeit zielt darauf ab, Einblicke in die sprachliche Verwendung und den Verstehensprozess bei SchülerInnen nichtdeutscher Erstsprache zu bekommen und darauf aufbauend Umstrukturierungen im Schulwesen aufgrund der sprachlichen Pluralisierung in Bewegung zu bringen.



Publikationen

Müllner, Bernhard / Scheuch, Martin (in preparation): Avoidance Strategies as a Result of Linguistic Overload in Biology Class. In: Vetter, E. et al. (Hrsg.): Multilingualism and Languages in Education, Orbis scholae (3/2017).



Forschungsprojekte

Scheuch, Martin / Müllner, Bernhard: Sprachsensibles Forschendes Lernen (SFL)
Die Wichtigkeit von Sprache und Fach ist sowohl in der biologie- als auch sprachdidaktischen Forschung verankert, geeignete Unterrichtsmodelle, die auf einen sprachsensiblen Biologieunterricht aufbauen, fehlen im deutschsprachigen Raum allerdings. Die Literatur jedoch zeigt, dass Forschendes Lernen ein Kandidat für eine Lernumgebung wäre, in der man sprachsensiblen Unterricht erfolgreich gestalten könnte. Ob diese Annahme stimmt, soll das Forschungsprojekt Sprachsensibles Forschendes Lernen (SFL) überprüfen.



Veranstaltungen

 

2017 Plus Lucis: "Biologie zur Sprache bringen". Biologie-Workshop. Ort: Kurt-Gödel-HS (Fakultät für Physik; Erdgeschoss). Zeit: 15:45-17:15.

2016    Ich verstehe meine Schüler_innen. Methoden für einen sprachsensiblen naturwissenschaftlichen Unterricht. Vortrag mit Workshop am AECC (Leitung: Dr. Silvija Markic, Universität Bremen).

 

2016    Methodenwerkzeuge für einen sprachbewussten Biologieunterricht. PH-Fortbildung für AHS und NMS (Leitung: Mag. Bernhard Müllner, Universität Wien).

2017    Bildungssprachliche Kompetenzen im mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterricht. Tagung im SSR-Wien, 14.3.2016 (9.00 – 17.00 Uhr).

 

Sprachsensibles Forschendes Lernen (SFL) im Themenbereich Samenkeimung

Die Bewusstmachung der sprachlichen Anforderungen der Aufgabenstellungen an die SchülerInnen ist bei der Planung von Unterricht unabdingbar, wenn Sprachbildung ein inhärenter Teil des Unterrichts sein soll. Der dafür von Gibbons (1993) entwickelte und von Tajmel (2009) für den deutschsprachigen Raum adaptierte Planungsrahmen, berücksichtigt bei der Planung die fünf Bereiche Thema, Aktivitäten, Sprachhandlungen, Sprachstrukturen und Vokabular und bietet eine Übersicht, welche sprachlichen Anforderungen der Fachunterricht stellt und welche sprachlichen Unterstützungswerkzeuge notwendig sind (vgl. Tajmel 2009). Dieser Planungsrahmen wird für unsere Lernumgebung adaptiert: Hierfür werden die Bereiche Aktivitäten, Sprachhandlungen, Sprachstrukturen und Vokabular übernommen. Der von Tajmel formulierte Bereich Thema wird für unsere Zwecke in Forschungsschritte unbenannt.Folgend soll nun an dem konkreten Thema Samenkeimung exemplarisch dargelegt werden, wie ein Planungsrahmen im Zuge des SFL aussehen kann. Entscheidend ist im Zuge  der Planung, dass die von Mayer et al. (2006) formulierten vier Charakteristika des Forschenden Lernens (authentische Problemstellungen, Kontextorientierung, Eigenständigkeit und Kooperation) in der Planung berücksichtigt werden, da diese eine wichtige Nahtstelle zwischen Forschendem Lernen und Durchgängiger Sprachbildung darstellen.

 

Die Struktur des Planungsrahmens

 

 

Bitte kontaktieren Sie Mag. Bernhard Müllner (bernhard.muellner@univie.ac.at) für nähere Informationen

Universität Wien
Porzellangasse 4/2/2
A-1090 Wien
Universität Wien | Universitätsring 1 | 1010 Wien | T +43-1-4277-0